B wie Bewegung und Bücken

Heute ist meine OP genau zwei Wochen her und mit meinen Gehhilfen, vulgo Krücken, bin ich schon wunderbar beweglich. Seit vier Tagen bin ich in der Reha und freue mich an der Bewegung. Das herbstliche Sommerhoch am Tegernsee tut ein Übriges – Spaziergänge im St. Hubertus-Park, am Seeufer und in der Umgebung sind nahezu ein Muss. Überall verfärben sich die Bäume bunt, darüber ein strahlend blauer Himmel – und in München hängt der Nebel. Aber ich will hier ja niemanden neidisch machen…

Der Tegernsee lockt auch Spaziergänger mit Krücken.

Ja, auch Spaziergänger mit Krücken können am Tegernsee entlang spazieren.

Natürlich gibt es noch Bewegungseinschränkungen, keine Frage. Das wichtigste Credo nach einer Hüft-OP ist der 90 Grad-Winkel. Der darf bei keiner Beugung überschritten werden. Es droht Luxation, d. h. Auskugelung des künstlichen Gelenks. Also heißt es, Slipper anziehen, denn Schuhbänder zubinden ist nicht. Sportschuhe mit Klettverschluss sind auch in Ordnung, sofern man geschickt genug ist, den Klettverschluss mit Hilfe der Krücke zu schließen. Oder den Klettverschluss vorher rüberziehen und dann den Schuh mit Hilfe eines langen Schuhlöffels anziehen. Gute Reha-Kliniken haben solche Schuhlöffel auf dem Zimmer. Wer sicher gehen will, kauft einen vorher im normalen Schuhgeschäft. Die können auch hinterher ganz nützlich sein.

Bei meiner letzten Reha im warmen Juni 2011 in Bad Heilbrunn hatte ich das Glück, dass ich immer barfuß in den Schuhen gehen konnte. Aber dafür sind selbst die mittäglichen 16 Grad hier in Bad Wiessee nun doch zu frisch. Leider geht Strümpfe anziehen ohne Hilfsmittel nicht. Auf Rezept bekommt man deshalb einen Strumpf-Anzieher – ein Plastikteil mit zwei langen Bändern an der Seite. Man ziehe den Strumpf über das biegsame Plastik, schlüpf hinein und ziehe das Teil mit den Bändern nach oben. Simsalabim – der Strumpf zieht sich hoch und sitzt prima am Fuß. Ganz Geschickte machen das auch mit einem langen Handtuch oder einer zerschnittenen Stoff-Einkaufstüte mit langen Henkeln.

Weitere Hilfsmittel, die der zu starken Beugung entgegen wirken, sind eine Toilettensitz-Erhöhung (gibt`s auch auf Rezept und in der Reha als Grundausstattung für Hüft-Patienten) und ein Keilkissen (sollte man sich vorher besorgen, liegen in der Reha aber auch überall herum). Je fitter man ist, desto weniger braucht man das. Aber es schadet nicht, das operierte Bein immer wieder zu strecken und auch beim Hinsetzen auf normale Bänke oder Stühle darauf zu achten, das Bein zu strecken, ebenso beim Aufstehen. Man hat es recht bald im Gefühl, was einem gut tut und was nicht. Stretchübungen bekommt man ja schon im Krankenhaus gezeigt. Die sollte man immer mal wieder einlegen. Das Bein dankt es einem.

Noch etwas zum Thema Bücken. Als „Hüfte“ bekommt man auch eine Greifzange als Hilfsmittel angeboten. Denn unerklärlicherweise fallen einem plötzlich ganz viele Dinge auf den Boden. Aber man lernt auch, dass man das operierte Bein nach hinten strecken kann, um sich zu bücken. Das sieht in etwa so aus wie der eingesprungene Doppel-Axel beim Eiskunstlaufen. Aber auf diese Weise braucht man nicht noch so ein Hilfsmittel und fühlt sich etwas weniger behindert. Sollten allerdings nette Mitmenschen in der Nähe sein, empfiehlt es sich, diese um Hilfe zu bitten. Da wundert man sich dann, wie unelegant und steif sich so mancher bückt…

Ein tolle Erfindung – auch für Schnarcher übrigens! – ist ein Seitenschläfer-Kissen. Im Krankenhaus muss man ja stets auf dem Rücken schlafen und hat das operierte Bein in einer Plastikschiene, damit man die Beine nicht plötzlich nachts überschlägt. Allerdings sagte mir eine Physiotherapeutin, dass in den 20 Jahren ihrer Tätigkeit noch nie eine Luxation im Schlaf stattgefunden habe. Dazu wirken im Bett zu geringe Hebelkräfte. So ein Seitenschläfer-Kissen ist ein 1,20 Meter langer Schlauch (zu bestellen u. a. bei amazon), den man sich zwischen die Beine klemmt. Somit ist der Abstand der beiden Beine gewahrt, und man kann den ächzenden Rücken endlich in der bewährten Embryo-Schlafhaltung wieder entlasten.

Zum Buchstaben B gehört auch noch das Bewegungsbad. Das ist eine Wohltat für Hüft-Patienten, die sie genießen dürfen sobald die Fäden bzw. Klammern entfernt worden sind. Endlich fühlt man sich leicht und beweglich, denn Wasser trägt ja bekanntlich. Schwimmen darf man da natürlich noch nicht, schließlich ist die Spreizbewegung tabu – ja richtig: wg. Luxations-Gefahr. Aber Wassertreten vorwärts und rückwärts geht spielend, mit Pool-Noodle und Pool-Brett – und mit viel Spaß. Nur am Beckenrand muss man aufpassen mit den Krücken – Rutschgefahr. Und die nassen Zehen muss man sich geschickt mit Hilfe des gesunden Fußes abtrocknen. Aber das kennt man ja schon vom Duschen – auch das eine Wohltat nach fast zwei Wochen „Katzenwäsche“ im Krankenhaus. Ein Bademantel gehört deshalb zur Grundausstattung in der Reha und auch ein Badeanzug. Ich habe einen mit Beinansatz. Die sind eine absolute Rarität geworden. Dabei verdecken sie wunderbar die Narbe. Mein Kontakt dazu ist der Onlineshop von http://www.steiner-schwimmsport.de.

So, jetzt bewege ich mich ins Bett – natürlich mit den Krücken, nachdem ich den Strumpf am operierten Bein mit Hilfe der Zehen des gesunden Beins ausgezogen habe. Das Seitenschläfer-Kissen nehme ich noch ein bisschen als Nackenstütze zum Lesen. Und da muss ich noch einen Lesetipp loswerden: „Josefibichl“ von Marc Ritter, ein köstlicher Regionalkrimi aus Garmisch-Partenkirchen. Sein Erstling – und absolut gelungen!

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Eine Antwort zu B wie Bewegung und Bücken

  1. Evi schreibt:

    Hallo,
    sehr schön beschrieben! Habe seit 6 Tagen meine Hüft-OP hinter mir und ja, das mit Hosen und Socken anziehen, ist nicht so einfach! Komme in 4 Tagen auf REHA und hoffe, dass es aufwärts geht!!

    Herzliche Grüße Evi

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