B wie breit wickeln, Brust-Beutel und Balance

Eigentlich wollte ich schon etwas über C wie Carving Golf schreiben. Aber der Buchstabe muss noch warten. Zuviel ist mir noch zum Buchstaben B eingefallen – vorzugsweise beim Radeln auf dem Ergometer mit den verstellbaren Pedalen. Denn Sie erinnern sich: Hüft-Patienten dürfen wochenlang den 90-Grad-Winkel nicht überschreiten, radeln also mit reduzierter Beugung.

Ein weiteres Mantra in der Reha ist die Beinachse, d. h. vom Fuß über das Knie bis zur Hüfte muss man quasi eine gerade Linie ziehen können, sonst geht man schief. Das tut man auch, wenn eine Beinlängen-Differenz festgestellt wird. Leider passiert das bei einer OP häufiger als man denkt. Nicht so bei erfahrenen Operateuren. Deshalb habe ich mich in die Hände von Dr. Jürgen Radke begeben, der in seinem langen Leben angeblich schon 15.000 Hüften operiert haben soll.

Das Gefühl, die Beine seien unterschiedlich lang, hat man auch, weil nach der OP natürlich das Bindegewebe in Mitleidenschaft gezogen ist. Will heißen, rund um die Operationsnarbe ist möglicherweise noch eine Schwellung vorhanden – wenn nicht nach außen sichtbar, dann arbeitet es aber doch innen. Alles muss wieder heilen und sich zusammenfinden. Die in ihrer Ruhe gestörten Rezeptoren müssen neues Gefühl entwickeln. Nach und nach entspannt sich das operierte Bein und es entwickelt sich – sobald man die Schonhaltung aufgibt –  wieder ein schön gleichmäßiges Gangbild. Viel verschmähte Bequemschuhe, die ja inzwischen auch deutlich hübscher geworden sind (z. B. Schuhe von Think!), helfen ungemein. Auch wenn man sich als Frau schon mal wieder auf die Zeit der Absatzschuhe freut…

Noch ist daran aber nicht zu denken. Mit meiner 20 kg-Teilbelastung gehe ich weiterhin mit zwei Krücken und habe deshalb ein Transportproblem. Alle wichtigen Dinge wie Schlüssel, Taschentuch, Handy und Geld müssen in Manteltaschen verstaut werden, wenn man rausgeht. Drinnen ist dafür ein sehr dekorativer Brust-Beutel zuständig. Mit diesem Jute-Beutel, der natürlich mit dem Schriftzug der jeweiligen Reha-Klinik versehen ist, läuft man zu den verschiedenen Anwendungen im Haus. Gefüllt ist er mit einem Therapietuch, dem Therapieplan und dem Patientenbuch – oder auch mit einem nicht zu schweren Taschenbuch zum Lesen, falls man mal warten muss. Für die Trainingsgeräte hat man eine Chipkarte, die an einem immerhin recht dekorativen Schlüsselanhänger-Band vor dem Bauch baumelt.

Während man in der Reha so vor sich hin trainiert, hört man immer wieder interessante Gesprächsfetzen, die sich – natürlich – um das jeweilige Leiden drehen. Jüngere Hüftpatienten, die von Ahnungslosen nach dem Warum gefragt werden, haben inzwischen längst eine Antwort parat: „Man hat versäumt, mich als Baby breit zu wickeln.“ Damit outet sich der Patient als in den 50er, 60er, evtl. noch 70er Jahren Geborener, denn jedes später auf die Welt gekommene Neugeborene wird gleich mittels Sonographie (Ultraschall) auf eine mögliche Hüftdysplasie untersucht. Pech gehabt, kann man da nur sagen. So erhält der Spruch von der Gnade der späten Geburt eine ganz andere Konnotation.

Noch ein Wort zum Thema Balance – physische und psychische. Es empfiehlt sich, schon vor der OP die Balance zu trainieren, indem man zum Beispiel öfter mal auf einem Bein steht und – Steigerung des Ganzen – dies mit geschlossenen Augen tut. Verblüffend, wie sehr man da ins Wanken gerät. Unser Sehsinn hilft nämlich ungemein. Neulich mussten wir im Bewegungsbad mit geschlossenen Augen auf die andere Seite gehen. Man glaubt es nicht, wie schief wir alle durch das Becken getaumelt sind. Erklärung des Therapeuten: Unser Kleinhirn hat noch die Schonhaltung abgespeichert und zieht uns auf die „starke“ Seite. Wunderbar die Balance üben kann man übirgens mit einem Mini-Trampolin. Ich empfehle das Bellicon (www.bellicon.de). Das ist an elastischen Gummiseilen aufgehängt und man wippt eher rhythmisch als das man springt. Mit Musik macht das viel Spaß – und ist viel effektiver als das ohnehin noch eine Weile verbotene Jogging.

Spaß führt auch zur inneren Balance. Davon bin ich fest überzeugt. Eine positive, dem Leben freundlich entgegen tretende Einstellung hilft ungemein bei jeder Heilung. Ich jedenfalls habe meine künstlichen Hüften einfach angenommen. Es ist mein persönlicher Defekt, der dank moderner medizinischer Möglichkeiten nun behoben ist. Manche Dinge übernehme ich übrigens auch nach der Reha-Zeit. So zum Beispiel die praktische Betterhöhung. Sieht zwar etwas „seniorig“ aus, ist aber ungemein bequem.

Betterhöhung mit Holzklötzen von Obi

Betterhöhung mit Holzklötzen von Obi

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