R wie Reha, Rückenschlafen, Rolfing – und Radfahren

Den Reha-Ort für die ca. drei Wochen nach der Hüft-OP kann man sich weitgehend selbst aussuchen, sofern man sich mit den Vertragskliniken des jeweiligen Kostenträgers anfreunden kann. In meinem Fall war die Rentenkasse zuständig, da ich ja in meinen „jungen“ Jahren noch wieder arbeitsfähig werden sollte. Nach der ersten OP war ich im Juni 2011 in Bad Heilbrunn, nach der zweiten OP im November 2011 in Bad Wiessee am Tegernsee. In beiden Monaten hatte ich unverschämtes Glück mit dem Wetter, so dass ich viel draußen spazieren gehen konnte. Und gerade das Gehen mit Krücken an frischer Luft halte ich für einen wesentlichen Faktor in der Reha: Je größer der Radius wird, desto mehr entfernt man sich vom Kranken-Umfeld, hat wieder Kontakt mit dem normalen Leben – und zieht daraus positive Energie. Natürlich trifft man auch in den umliegenden Cafés immer wieder Mit-Patienten (oder Klinik-Angestellte), aber das sind meist die fröhlich gestimmten, die sich nicht hängen lassen und diejenigen, die mal etwas anderes essen wollen als die Klinikkost.

Das Umfeld in der Reha ist ungeheuer wichtig für die Psyche. Natürlich kann man es sich nicht aussuchen, mit wem man am Tisch sitzt. Aber bei der Auswahl der Reha-Einrichtung sollte man darauf achten, dass die Orthopädie der Schwerpunkt ist. Reha-Kliniken mit vielen psychosomatischen Fällen, Schlaganfällen etc. sind unter Umständen zusätzlich belastend. Im nachhinein würde ich auch jedem raten, vorher zu fragen, wie flexibel man den Therapieplan handhabt. Ich jedenfalls war ganz glücklich, als ich in der Hubertus Klinik am Tegernsee so oft und lange in die Medizinische Trainingstherapie (MTT) gehen durfte wie ich wollte. In Bad Heilbrunn war das strikt auf eine halbe Stunde pro Tag begrenzt, und nur dank der Intervention meiner Physiotherapeutin bekam ich eine Stunde zugestanden. Mit Krücken, Brustbeutel, Desinfektionstuch etc. „bewaffnet“ schafft man aber in einer halben Stunde kaum mehr als drei bis vier Geräte. Schließlich hüpft man nicht gerade wieselflink herum.

Während man im Krankenhaus ca. 12 Tage lang strikt auf dem Rücken schlafen muss und das operierte Bein relativ unbeweglich in der Schiene lagert, darf man in der Reha schon langsam andere Liegevarianten testen. Mein bester Kuschelfreund wurde jeweils ein 1,20 Meter langes Seitenschläferkissen, das man zwischen die Beine klemmt und dann quasi als Abstandshalter auf der Seite liegend zwischen den Knien hat, um die gefürchtete Überdrehung zu vermeiden. Das Rückenschlafen ist für viele Menschen ein großes Problem – nicht nur weil sie unweigerlich schnarchen und ihre Mit-Patienten in Zweibettzimmern um die Nachtruhe bringen. Sondern auch weil sie Rückenschmerzen bekommen. Da kann ich nur gebetsmühlenartig mein Mantra wiederholen: Trainieren Sie vorher alle Muskeln, also auch die Rücken- und Bauchmuskeln, um möglichst wenig von Wirbelsäulen- und/oder Bandscheiben-Beschwerden geplagt zu werden.

Das Thema Rolfing habe ich schon beim Buchstaben F wie Faszien behandelt. Bitte einfach meinen alten Beitrag dazu lesen oder den Link anclicken. Ich bin eine große Verfechterin dieser in die Tiefe des Gewebes gehenden Therapie und finde es schade, dass sie so wenig bekannt ist.

Tja, und das Radfahren. Wunderbar. Hüft-Patienten sind auf dem Rad quasi zu Hause – vor der OP auf jeden Fall, denn da ist es meist die einzige Fortbewegungsmethode, die noch schmerzfrei geht. Männer fahren da natürlich Damenräder mit niedrigem Einstieg. Nach der OP scheiden sich die Geister: In meiner ersten Reha durfte ich erst ganz zum Schluss auf das Indoor-Rad (therapeutisch: Ergometer) steigen, weil man hier die Luxationsgefahr beim Auf- und Absteigen sah. Unsinn, hieß es bei der zweiten Reha: Man steige seitlich vorsichtig auf, ohne das operierte Bein zu belasten oder gar zu schwingen, und dann werden die Pedale einfach auf kürzeres Treten eingestellt und die Watt-Zahl, d. h. der Widerstand, wird eher niedrig gehalten bzw. sukzessive gesteigert.

Gut gelaunter Hüft-Patient mit Ukulele im November (!) im Klinikgarten von St. Hubertus am Tegernsee.

Gut gelaunter Hüft-Patient mit Ukulele im November (!) im Klinikgarten von St. Hubertus am Tegernsee.

Nach der Entlassung in freier Wildbahn sieht es dann wieder anders aus: Gefahren lauern am Wegesrand in Form von Ampeln, an denen man halten und wieder antreten muss, in Form von bodenwelligen Hindernissen oder gar unaufmerksamen Dritten, die einen zu Fall bringen. So geschehen einem Ukulele spielenden Mitpatienten, der tatsächlich einen komplizierten Bruch des unlängst operierten Beins davon getragen hatte. Ich veröffentliche an dieser Stelle sein Foto (ja, es war November!), da mich sein ungebrochener Wille zur Genesung und seine positive Ausstrahlung so fasziniert haben. Falls er diesen Blog liest, würde ich mich freuen zu hören, wie es ihm geht… Allen anderen Lesern sei in puncto Outdoor-Radfahren noch gesagt: erst draußen radeln, wenn die Muskeln alle Erschütterungen abfedern können. Und so lange nur ein Fünkchen Angst im Kopf mitfährt, lieber noch ein paar Tage länger warten. Die Radl-Saison hat ja gerade erst begonnen!

 

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Eine Antwort zu R wie Reha, Rückenschlafen, Rolfing – und Radfahren

  1. Peter Herrchen schreibt:

    Wie wahr! Sportlich aktive und ungeduldige Reha-Patienten sollten unbedingt darauf achten, dass das Therapie-Angebot insgesamt ambitioniert ist, es ggf. sogar ein extra Sport-Reha-Angebot gibt und man die MTT selbst so benutzen kann, wie man möchte. Ich kann hier aus eigener Erfahrung die St. Hubertus-Klinik in Bad Wiessee wärmstens empfehlen. Auch im Bezug auf das Outdoor-Radfahren stimme ich Heidi Rauch 100%-ig zu. Wenn man aber defensiv und möglichst nicht auf Straßen fährt, kann man es durchaus nach 6-8 Wochen wagen, auch wenn die Ärzte aus den im Artikel genannten Gründen in der Regel davon abraten.

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